Als Lehrer Nägeli auch Pöstler war

Seit 175 Jahren gibt es eine Post in Amriswil. Begonnen hatte es mit einer Poststelle im Gasthaus Hirschen, sozusagen ein Vorläufer der heutigen Postagenturen.

Trara Trara – die Post ist da! So tönte es 1842, also vor 175 Jahren, als Diligenzen im Weiler Köpplishaus vorfuhren und bei Johannes Schadegg vom Gasthaus Hirschen die Post ablieferten. Der stattliche Fachwerkbau an der Weinfelderstrasse war die erste Poststelle in Amriswil. Hier war auch der Kreuzungspunkt und die Pferdewechselstation für die Kutschen aller Art von St. Gallen nach Konstanz oder von Frauenfeld nach Arbon. Diligenzen (französisch) waren gelbe Postkutschen, meistens gezogen von vier Pferden. Sie beförderten Postsendungen und zahlende Fahrgäste.

Von Köpplishaus aus brachte dann ein Bote täglich die Post in die Richtung Bischofszell, ein zweiter in Richtung Uttwil und der dritte brachte die Post in die Gegend von Hefenhofen und Sommeri. An drei Tagen in der Woche war ein vierter Postbote unterwegs nach Almensberg, Hagenwil und Räuchlisberg.

Landgasthof HirschenLehrer als Postbeamte

Zwei Jahre nach der Einrichtung des ersten Postbüros in Köpplishaus bekam Amriswil eine Postablage, also eine Art Filiale. Sie befand sich im Schulhaus, dort wo heute das Stadthaus steht.

Die Lehrer Keller und Nägeli waren die ersten, die neben der Schule auch die Post besorgten. Es hiess, neben der Schule sei noch genügend Zeit, um auch Pöstler zu sein und überdies sei Nägeli noch ledig. Die beiden Lehrer nahmen also während der Schulzeit auch die Post entgegen, verkauften Marken, stempelten Briefe usw. Und sie mussten auch die Post den Leuten zustellen. Damals gab es in Amriswil 98 Wohneinheiten und drei Hauptstrassen. Da die Entschädigung offenbar sehr klein war und der Aufwand sehr gross, verlangte 1849 eine Gemeindeversammlung „mit Einmuth“ von der Kreispostdirektion in Zürich den Wechsel von einer Postablage zu einem Postbüro. Lehrer Nägeli amtete dann noch bis 1852 als Posthalter mit einer jährlichen Entschädigung von 200 Franken.

Die Bahn brachte eine Neuorganisation der Post

1855 wurde die Bahnstrecke Winterthur-Romanshorn in Betrieb genommen und Amriswil erhielt eine Station. Weil dann die Post auch per Bahn nach Amriswil kam wurde die Post in den Bahnhof verlegt. Gleichzeitig kam auch ein Telegraphenanschluss in das gleiche Gebäude. Um Köpplishaus wurde es ruhig und diese Poststelle wurde sogar bald einmal ganz aufgehoben. Mit dem Beginn der Textil-Industrialisierung war das Postbüro im Bahnhof bald zu klein. Nach verschiedenen Provisorien in der Bahnhof-Gegend wurde gegenüber dem Bahnhof an der Poststrasse  ein neues PTT-Gebäude gebaut. Bis 1979 war dies die Amriswiler Hauptpost.

Weil sich Amriswil jedoch im oberen Teil des Dorfes ebenfalls stark entwickelte wurde 1912 gegenüber der evangelischen Kirche eine zusätzliche Poststelle eingerichtet. Das war das Postamt 2 Oberdorf.

Auch diese beiden Postämter waren nicht für die Ewigkeit gebaut.

Am 25. Juni 1979 wurden die beiden Aemter ersetzt durch eine neue Post an der Bahnhofstrasse 13a, wo sie noch heute ist. Man war damals stolz auf die fünf Schalter, 350 Postfächer und einen gesonderten Briefeinwurf für Markenfreunde. Dann gab es auch vier Telefonkabinen und reichlich Platz für die Postsortierung. Das Gebäude kostete etwa zwei Millionen Franken und das Land wurde Hans Grundlehner abgekauft, dessen Familie von altersher dort einen Bauernhof hatte.

Die Zeiten ändern sich!

In den 175 Jahren gab es zahlreiche postalische Veränderungen. Und heute fragt man wieder, wie sieht die Post wohl in 50 oder 100 Jahren aus? Gibt es dann überhaupt noch eine Post. Oder fliegen dann alle Pakete mit Drohnen durch die Luft oder fahren in führerlosen Fahrzeugen durch die Gegend und geschrieben wird nur noch via Internet?

Quelle:Eugen Fahrni 29.3.201